Wir müssen über Chianti reden.
Hier sind sechs Weine von drei Winzern, alle mitten im Chianti-Gebiet — und auf vier von sechs Etiketten sucht man das Wort „Chianti" vergeblich.
Nur zur Hälfte Rebellion: Die zwei Weine mit Chianti auf dem Etikett gehören zum Besten in diesem Newsletter. Chianti und Anti-Chianti — dieselben Hügel, dieselben Hände, zwei Lesarten derselben Geschichte.
Sean O'Callaghan — Tenuta di Carleone
Die Toskaner nennen ihn "Il Guercio" — den Einäugigen. Sean O'Callaghan ist Brite, trägt auch mal Augenklappe, studierte in Geisenheim und arbeitete bei Schlossgut Diel an der Nahe, bevor er 2012 mit dem Österreicher Karl Egger die Tenuta di Carleone gründete — auf einem Anwesen bei Radda, das seit 1078 dokumentiert ist. Seine Weinberge liegen auf 700 Metern — alpine Bedingungen für Sangiovese. Trauben werden mit Füßen gestampft, spontan in Beton vergoren. Gambero Rosso gab Tre Bicchieri, Antonio Galloni schrieb: "some of the most distinctive wines throughout Chianti Classico." Sean macht beides: Chianti Classico nach den Regeln — und IGT, wenn die Regeln zu eng werden.
Chianti Classico DOCG 2023
Sangiovese · Radda in Chianti · ca. 27 €
40% Ganztraubenvergärung, von Hand gelesen und mit Füßen gestampft — Sangiovese von 700 Metern Höhe, und das schmeckt man: kühle Sauerkirsche, Rosmarin, eine Frische, die an Bergluft erinnert. Chianti, wie man ihn sich erträumt: Präzision statt Schwere, Herkunft statt Holz. Für 27 Euro das beste Argument, die Appellation ernst zu nehmen.
UNO IGT "Special Edition" 2021
Sangiovese · Toscana IGT · ca. 69 €
Seans 30. Ernte: 13,5% Alkohol, 18 Monate in Beton und Tonneau. Warum IGT? Weil das DOCG-Regelwerk diesen Ausbau nicht als „Chianti" zulässt. Das Ergebnis: konzentrierter, tiefgründiger Sangiovese, der nach Sauerkirsche, Unterholz und dunkler Schokolade schmeckt. Gleicher Weinberg, gleiche Traube — anderes Etikett. Die beiden Weine nebeneinander erzählen mehr über italienisches Weinrecht als jedes Lehrbuch.
Corzano e Paterno — Chianti mit Schafskäse
600 sardische Schafe zwischen Olivenbäumen und Reben, 13 Sorten Käse, Olivenöl — und mittendrin: Chianti. Die Familie Gelpke-Goldschmidt bewirtschaftet 140 Hektar, aber nur 17 davon tragen Reben. 75.000 Flaschen im Jahr, doppelte Handlese. Arianna Gelpke lernte bei Isole e Olena und Lodovico Antinori, Aljoscha Goldschmidt studierte Agronomie in Wädenswil. Über 50 Jahre Familiengeschichte — ein Betrieb, der seinen Wein genauso ernst nimmt wie seinen Pecorino.
Chianti "Terre di Corzano" DOCG 2024
Sangiovese, Canaiolo · Chianti · ca. 15 €
Sangiovese mit etwas Canaiolo, 13%. Ein Chianti, der nach dem Ort schmeckt, an dem er wächst — Sauerkirsche, Wildkräuter, eine erdige Wärme, die an den Stall nebenan erinnert. Für 15 Euro einer der ehrlichsten Chiantis, die man kaufen kann. Zum Pecorino vom Hof — oder zu jedem anderen.
Il Corzanello Rosato IGT 2024
Sangiovese · Toscana IGT · ca. 12 €
Ganztraubenpressung, provenzalischer Stil. Warum IGT? Weil das Chianti-Regelwerk keinen Rosato vorsieht. Blasses Lachsrosa, Grapefruit, weiße Johannisbeere, knochentrocken. Sangiovese-Rosato zu diesem Preis ist selten — und selten so gut. Zu Crostini mit Hühnerleber oder einfach so auf der Terrasse.
Robin Mugnaini — Le Masse
In „Inferno" stand er neben Tom Hanks, an der römischen Filmakademie studierte er Schauspiel — seine Mutter Christiane ist Berliner Malerin, Schwester Lea gründete eine Künstlerresidenz auf dem Weingut. Robin Mugnaini kam zum Wein wie andere zum Theater: über Obsession. 20 Hektar alte Sangiovese-Reben, einige von 1974, vergoren ohne Temperaturkontrolle, ausgebaut in Amphoren des Bildhauers Lorenzo Vignoli. Die Etiketten malt seine Mutter, biodynamisch und zertifiziert bio seit 2020, 18.000 bis 25.000 Flaschen im Jahr. Seine Weine tragen alle IGT Toscana — Canaiolo als Hauptdarsteller, Feldblends aus Rot und Weiß. Methoden, die hier seit Jahrhunderten praktiziert werden, aber in kein DOCG-Formular passen.
Timeo Toscana IGT 2024
Canaiolo · Toscana IGT · ca. 29 €
Canaiolo, die vergessene toskanische Rebsorte, spielt hier die Hauptrolle: 12% Alkohol, Amphorenausbau. Wildrosen, Granatapfel, eine seidige Transparenz, die an Pinot Noir denken lässt. Im DOCG darf Canaiolo nur Nebenrolle spielen — hier zeigt die Traube, was passiert, wenn man ihr die Bühne überlässt. Achtung: nur noch ca. 2 Flaschen verfügbar.
Santa Goccia Toscana IGT 2024
Trebbiano, Sangiovese, Canaiolo · Toscana IGT · ca. 16 €
Rot und weiß zusammen vergoren — eine uralte toskanische Praxis, die in keinem DOCG-Reglement vorgesehen ist. Trebbiano bringt Säure und Helligkeit, Sangiovese Struktur, Canaiolo Duft. Leichtfüßig, trinkig, mit einer floralen Note, die an wilden Thymian erinnert. Zu Ribollita oder kaltem Vitello Tonnato.
Sangiovese von 700 Metern Höhe, Canaiolo aus der Amphore, Trebbiano und Sangiovese gemeinsam vergoren — sechs Weine, die zeigen, dass das Chianti-Gebiet größer ist als sein berühmtestes Etikett. Die Appellation macht hier hervorragenden Wein. Und das, was daneben entsteht, auch.
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Herzliche Grüße aus Berlin,
David
Lebendige Weine
P.S.: Sangiovese, Canaiolo, Rosato — das Zalto Universal macht bei allen dreien den Unterschied. Dünn genug, um die Nuancen zu hören. Mundgeblasen und spülmaschinenfest.