Österreich hat einen der höchsten Anteile biodynamischer Weingüter in Europa. Was dort in den letzten zwanzig Jahren passiert ist, hat wenig mit Alpen-Klischee zu tun und viel mit radikaler Konsequenz: Winzer, die in römischen Kellern keltern, Ingenieure, die Baumpressen bauen, ein Croupier, der eine unterschätzte Rebsorte zur Weltklasse führt. Fünf Weingüter aus fünf Regionen – von der Wachau bis Wien.
Nikolaihof · Wachau ↗
Unter dem Keller liegen römische Fundamente aus dem Jahr 63 vor Christus. Nikolaus Saahs und seine Familie keltern hier seit Generationen Grüner Veltliner und Riesling – und haben 1971 auf Biodynamie umgestellt, als das Wort in Österreich noch niemand buchstabieren konnte. Ältestes Weingut Österreichs, Demeter-zertifiziert seit über 50 Jahren. Die Weine reifen im alten Gewölbe, manche jahrzehntelang, und werden erst auf die Flasche gezogen, wenn Nikolaus es für richtig hält – nicht der Markt.
Hefeabzug, Grüner Veltliner 2023
Grüner Veltliner · Wachau · ca. 21 €
Unfiltriert, direkt von der Feinhefe. Pfeffriger Veltliner mit Birnenfrucht und einer cremigen Textur, die man in dieser Preisklasse nicht erwartet. Die Visitenkarte des Nikolaihof – und schon hier merkt man, dass Biodynamie kein Label ist, sondern ein Geschmack.
Im Weingebirge, Grüner Veltliner Smaragd 2015
Grüner Veltliner · Wachau · ca. 47 €
Zehn Jahre auf der Flasche, und der Wein fängt gerade erst an zu erzählen. Smaragd-Kategorie heißt: volle Reife, mindestens 12,5% Alkohol. Honig, Walnuss, Tabak – ein Grüner Veltliner mit der Tiefe und Komplexität eines großen Weißburgunders. Wer glaubt, Veltliner sei nur ein Sommerwein, sollte diese Flasche öffnen.
Tement · Südsteiermark ↗
1959 hatte das Weingut drei Hektar. Heute bewirtschaftet die Familie Tement hundert, verteilt auf beide Seiten der slowenischen Grenze. Die Lage Zieregg ist ihr Grand Cru: Steilhänge auf Muschelkalk und Mergel, Sauvignon Blanc, der nach Feuerstein und nasser Kreide schmeckt – eine der besten Sauvignon-Blanc-Lagen der Welt, und das ist keine Übertreibung. Manfred Tement hat diese Lage über Jahrzehnte zu dem gemacht, was Sancerre für die Loire ist.
Sauvignon Blanc „Kalk & Kreide" 2024
Sauvignon Blanc · Südsteiermark · ca. 20 €
Der Gutswein, der bei vielen anderen Weingütern die Spitze wäre. Kräuter, Zitrus, eine salzige Mineralität, die vom Kalkboden stammt. Kein Neuseeland-Klischee, kein Stachelbeerbonbon – Sauvignon Blanc, der nach seinem Ort schmeckt. Wer Tement noch nicht kennt, fängt hier an.
Ried Zieregg „XT" Sauvignon Blanc 2015
Sauvignon Blanc · Südsteiermark · ca. 81 €
XT steht für Extended – verlängerte Reife im großen Holzfass und auf der Flasche. 2015, ein warmes Jahr, und trotzdem schmeckt dieser Wein nicht nach Opulenz, sondern nach Spannung. Rauch, Feuerstein, getrocknete Kräuter – und ein Finale, das minutenlang nachhallt. Große STK Lage, und man schmeckt jeden Meter Steilhang.
HM Lang · Krems ↗
25 Jahre lang konstruierte Markus Lang Flugzeuge für Airbus. Dann übernahm er das Familienweingut in Krems und baute sich eine Baumpresse, die 100 Tonnen Druck erzeugt – kein Strom, keine Hydraulik, nur Holz und Schwerkraft. Seine Weine vergären spontan, reifen in Steingutamphoren und alten Holzfässern, und tragen Namen wie „Dritter Akt" und „This is not a love song". Demeter-zertifiziert, unfiltriert, kompromisslos – Ingenieurspräzision im Dienst des Weins.
Grüner Veltliner „Dritter Akt" 2019
Grüner Veltliner · Kremstal · ca. 51 €
Von der Riede Steiner Schreck, unfiltriert, gepresst mit der Baumpresse. Fünf Jahre Flaschenreife haben aus Kraft Eleganz gemacht. Quitte, Kamille, weißer Pfeffer – ein Veltliner, der sich anfühlt wie ein langes Gespräch: jeder Schluck sagt etwas anderes.
Riesling „This is not a love song" Steingutamphore 2018
Riesling · Kremstal · ca. 51 €
Vergoren und gereift in Steingutamphoren aus dem Westerwald. Der Ton atmet, gibt aber kein Aroma ab – anders als Holz lässt er den Riesling völlig bei sich. Pfirsichkern, Rauch, Kalkstein – ein Riesling, den man eher kaut als trinkt. Der Weinname zitiert einen Post-Punk-Song, und der Wein hat denselben Eigensinn.
Moric · Burgenland ↗
Roland Velich verdiente sein Geld als Croupier im Casino Baden, bevor er den Blaufränkisch ernst nahm. Die Rebsorte galt als rustikale Massenware, gut für Supermarktregale. Velich bewies, dass sie Grand-Cru-Niveau erreichen kann. Falstaff Winery of the Year 2023. Seine Einzellagen aus Lutzmannsburg und Sankt Georgen gehören zu den besten Rotweinen Mitteleuropas – filigran, burgundisch, mit einer Tiefe, die aus uralten Reben und kargem Lehmboden kommt.
Hausmarke S21 Solera
Blaufränkisch · Burgenland · ca. 17 €
Ein Solera-System aus acht Jahrgängen – 2012 bis 2022, übereinandergeschichtet wie geologische Ablagerungen. Blaufränkisch für 17 Euro, der nach Kirsche, Veilchen und kühlem Lehm schmeckt. Kein simpler Einstiegswein, sondern Velichs Visitenkarte: hier steckt die ganze Moric-Philosophie auf kleinstem Preisniveau.
Moric Reserve 2020
Blaufränkisch · Burgenland · ca. 40 €
Die Reserve steht zwischen Hausmarke und Einzellagen – eine Selektion der besten Fässer. 2020 war im Burgenland ein kühles Jahr, und genau das macht diesen Wein so gut. Sauerkirsche, Graphit, feines Tannin – Blaufränkisch, wie er sein soll: mit Pinot-Noir-Finesse statt Cabernet-Gewicht.
Hajszan Neumann · Wien ↗
Fritz Wieninger kennen die meisten als Kopf der Wiener Weinrenaissance – klassisch, elegant, Erste Lage. Hajszan Neumann ist sein anderes Projekt: Naturwein vom Nussberg, unfiltriert, spontanvergoren, manchmal trüb, immer lebendig. Weinbau mitten in Wien – auf einem Hügel mit Blick über die Donau. Die Reben wachsen auf Kalk und Löss, und die Weine schmecken nach beidem.
Grüner Veltliner Nussberg 2024
Grüner Veltliner · Wien · ca. 13 €
Wiener Veltliner vom Nussberg für 13 Euro – der günstigste Wein in diesem Newsletter und vielleicht der trinkigste. Frisch, pfeffrig, mit einer Saftigkeit, die sofort Lust auf das nächste Glas macht. Ein ehrlicher Wein ohne Schnörkel, der zeigt, was der Nussberg kann – auch ohne Orange-Maische und Amphore.
Natural Gemischter Satz 2023
Gemischter Satz · Wien · ca. 27 €
Gemischter Satz ist Wiens ureigene Tradition: verschiedene Rebsorten wachsen nebeneinander im selben Weinberg und werden zusammen gelesen. Hier in der Natural-Version – spontanvergoren, maischevergoren, ungeschönt. Goldgelb, mit Aromen von Aprikose, Ingwer und Orangenzeste. Ein Wein wie ein Wiener Kaffeehaus: vielschichtig und voller Überraschungen.
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Herzliche Grüße und einen schönen Sonntag!
Lisa und das Team von
Lebendige Weine
P.S.: Zu den österreichischen Weißweinen empfehlen wir das Zalto Weißwein-Glas – mundgeblasen in Österreich, passenderweise. Das schlanke Kelchformat bringt die Mineralität von Veltliner und Sauvignon Blanc besonders gut zur Geltung.